Bauen und Begegnen e. V.

Tagebuch eines Baueinsatzes in Tansania/Ostafrika

Samstag 9.7.94

Stuttgart Flughafen: 24 Leute, pralle Seesäcke, Nervosität. Wir starten zu unserem Baueinsatz nach Mtwara, Tansania, am Indischen Ozean. 10 Maurer, 8 Zimmerleute, 6 freiwillige Helfer, alle ehrenamtlich tätig, 6 Wochen soll es dauern. Die Diözese Rottenburg trägt diesmal die Aktion "Bauen und Begegnen" die von der Hlg.-Geist-Gemeinde in Reutlingen zusammen mit Absolventen der Meisterkurse der Kerschensteinerschule und dem Lehrer Karl Freudenreich ins Leben gerufen wurde. Es soll der vierte Einsatz (nach Zimbabwe 1988 und Homelands in Südafrika 90 und 92) werden.

Sonntag 10.7.94

Ankunft in Dar-Es-Salaam. Ein Schild "Benedictine Fathers", dahinter ein freundliches Gesicht: Die Inderin Nafeesa lotst uns durch den Zoll, bringt uns für eine Nacht bei der Heilsarmee unter und zeigt uns im Auftrag der Benediktiner die Stadt. Der Flug in den Süden ist Montag oder Dienstag - "don't worry" - sie wird das alles für uns managen.

Montag 11.7.94

Wir starten mit einer Fokker Friendship und landen auf der Sandpiste in Lindi, ca. 80 km von Mtwara entfernt. "Seid ihr das Bauteam aus Deutschland?" -eine kleine energische Deutsche mit Schwesternhaube nimmt uns in Empfang -Schwester Berntraud Schreck, die Leiterin der Kindergärtnerinnen-Ausbildung im Süden Tansanias, für die wir die neue Ausbildungsstätte bauen sollen. In vier Landrovern werden wir samt Gepäck verstaut, es wird langsam dunkel, wir holpern durch zahllose Schlaglöcher, über wenig vertrauenerweckende Brücken. Schließ- lich so etwas wie eine Stadt, Lichter, deutsche Stimmen - Pater Ildefons Weigand und die Schwestern der Missionstation Matengo/ Mtwara begrüßen uns herzlich, Spaghetti und Ragout gibt's zum Essen, dann geht's in die Quartiere: viel mehr "Komfort" als erwartet, echte Betten, Duschen, elektrisches Licht.

Dienstag 12.7.94

Erste Besichtigung der Baustelle - die drei afrikanischen Fundis (Bauleiter) haben mit ihren Teams hervorragende Vorarbeit geleistet, Fundamente und zum Teil der ganze erste Stock des riesigen "Atriums" stehen.

13./15.7.94

Die Zimmerleute beginnen, die Dachkonstruktion zu entwerfen und bauen zusammen mit ihren afrikanischen Kollegen und Helfern die ersten Binder. Bei Hermann, dem Schreiner, entstehen die ersten Fenster. Die Maurer schalen die ersten 12 Stützen für den Umgang im Innenhof. "Jambo", lernen wir, heißt "Grüß dich!" auf Kisuaheli, "asante sana" "Danke schön". Mit den beiden Wörtern und der Zeichensprache kommt man ein Stück weit. Außerdem gibt es noch Eberhardt, den Mann für alles, ehemaliger Zivi, der in Tansania eine Familie gegründet hat und unermüdlich dolmetscht, Material und Geräte besorgt, Fahrten macht, meist im Laufschritt unterwegs. Dirk und Lothar gehen in die KFZ-Werkstatt, Autos und Maschinen sind zu reparieren, eine lange Liste der aus Deutschland benötigten Ersatzteile wird erstellt.

16./17.7.94

Das Wochenende ist da, wir fahren nach Ndanda, 3 Autostunden entfernt. Ein riesiges Benediktinerkloster mit Landwirtschaft, Ausbildungswerkstätten {Metall, Elektro, KFZ, Steinmetz, Schreiner, Drucker) und Krankenhaus. Der Abt führt uns, zeigt und erklärt alles, vor allem auch die Wasserversorgung: Wasser ist rar im südlichen Afrika - aber ohne Wasser gibt es kein Leben. Sie haben am Fuß des Makondeplateaus eine Quellfassung und einen kleinen Staudamm mit Regenauffangbecken - so ist die Wasserversorgung gesichert, auch für die vielen Schulen in Ndanda, die die Benediktiner aus politischen und personellen Gründen {Nachwuchsmangel) an den Staat übergeben haben. Wir erfahren viel über die Arbeit der Missionare. Manche von uns hatten Vorstellungen von Leuten, die die Heiden bekehren und ein bisschen Wohltätigkeit aus Deutschland verteilen - hier sehen wir, das sind Menschen, die mitten im Leben stehen, Land und Leute genau kennen und lieben, die sehr überlegt und sehr schwer arbeiten, junge Leute zu qualifizierten Handwerkern und Handwerkerinnen ausbilden, die Mittel aus Deutschland sehr verantwortungsbewusst einsetzen und vor allem "Hilfe zu Selbsthilfe" leisten: gib einem Mann ein Brot, dann hat er morgen nichts mehr - gib ihm ein Werkzeug und zeig ihm, wie er es benutzen kann, so wird er das Brot verdienen.

18.7.-22.7.94

Die Arbeit geht gut voran, vor allem auch Dank der vorzüglichen Versorgung durch Schwester Berntraud und ihre afrikanischen Köche. "Wer hart arbeitet, muss auch gut essen", meint sie. Und: "Ich hatte ziemliche Angst vor Euch und ob ich es schaffe, Euch satt zu kriegen." Aber es gibt keine Probleme, wenn auch vielen erst langsam klar wird, das man hier nicht einfach Butter und Wurst fürs Vesper einkaufen kann und das alles Brot im Holzherd selbst gebacken werden muss. Ganz wichtig: Trinken, trinken, trinken. Miriam und Gertraud kochen riesige Töpfe Tee, pressen Zitrusfrüchte aus, filtern und kühlen Trinkwasser, pro Tag sicher 30-40 Liter. Jeder sollte in diesem Klima 2- 3 Liter Flüssigkeit aufnehmen - da ist die von den Patres bewilligte Büchse Freibier nur ein Tropfen "auf die heiße Zunge".

Samstag 23.7.94

Die Maurer haben Gurte betoniert, Unterzüge geschalt und fertiggestellt. Heute kommt der Kranwagen vom Wasserprojekt der Finnen und hievt uns die ersten Binder der Dachkonstruktion auf den linken Flügel. Die Zimmerleute arbeiten bis in den späten Nachmittag. Alles ist erschöpft und sehr glücklich, das es so gut geklappt hat denn: Wenn "Schwaben" "ab, ab" schreien, verstehen Finnen "up, up" {= englisch "hoch") - da kann es schon zu einer gewissen Verwirrung kommen. Der deutsche Botschafter in Tanzania, Herr Scheppen {man muss ihn glücklicherweise nicht mit "Exzellenz" anreden, das wäre uns schwergefallen!) kommt nach Mtwara, er will die Station aber auch das deutsche Bauteam besuchen und sehen, was da läuft. Er und seine Frau besichtigen die Baustelle und sind beim gemeinsamen Abendessen voll des Lobes für die deutschen Meister, ihre Leistungen und vor allem ihre gute Zusammenarbeit mit den Afrikanern.

Sonntag 24.7.94

Gemeinsamer Kirchgang {die Truppe ist "ökumenisch"), auch "Botschafters" sind in der Messe. Wir verstehen alle kein "Kisuaheli", nur das "Amen" am Schluss, sind aber beeindruckt von der rappelvollen Kirche, der lebhaften Teilnahme und dem wunderbaren Gesang der Afrikaner.

25.7.-29.7.94

Probleme sind dazu da, das man sie löst. Immer wieder sitzen Maurermeister oder Zimmerleute abends zusammen und besprechen den Fortgang der Arbeit, verteilen Aufgaben, stellen Teams zusammen. Stefan, genannt "Opa", hat seinem Maurerteam gleich anfangs weiße Kappen ausgeteilt, bei jedem steht mit Kuli dick der Name drauf, so kann er sie anreden. Andere machen dies nach. Einer mit unaussprechlichem Namen wird "Toyota", nach der Herkunft der Kappe.

Samstag 30.7.94

Zweiter Überstundentag der Zimmerleute - wieder zwei Flügel haben ein Dach. Die Maurer stehen unter Zeitdruck: Die vierte Seite des Komplexes ist zweigeschossig, da sollten sämtliche Gurte und Unterzüge auf den Mauern sitzen, aber auch die Treppe sollte fertig betoniert sein, bevor die letzten Binder gesetzt werden können. "Goa" hat sich am Fuß verletzt, trotzdem humpelt er auf der Baustelle herum - schließlich ist er der "Schalungsexperte" und hat die Treppe geplant. Aber: "Was mut, dat mut". Wenn wir vor unserer Abreise das Dach raufbekommen, können die Afrikaner den Bau bis zum Februar 95 fertigstellen.

1.8.-2.8.94

"M.S. Magan", ein riesiges Containerschiff, heiß ersehnt, ist in den Hafen eingelaufen und lädt Hilfsgüter aus Deutschland aus. Wir erhalten durch Vermittlung von Pater Wiedmer die Erlaubnis, das Schiff zu besichtigen. Es ist in Deutschland gebaut, läuft unter der Flagge von Liberia, der Kapitän ist Spanier, die Mannschaft bunt gemischt. "Unicef" steht auf vielen Kisten, die fürs Spital bestimmt sind, Medikamente für kranke Kinder sind drin. Alles wird gleich in verschließbare Hallen gebracht; die Armut im Süden des Landes ist groß und damit auch die Versuchung, sich bei einer sich bietenden Gelegenheit etwas "unter den Nagel zu reißen". Aber: die Kamera, die auf der Baustelle verschwand, weil sie der Besitzer mal schnell aus der Hand legte, war nach ein paar Tagen wieder da, offensichtlich gibt es eine gewachsene Solidarität.

Mittwoch 3.8.94

Schwester Berntraud hat Geburtstag, um Mitternacht haben die meisten ihr schon ein Ständchen unter ihrem Fenster gebracht, abends feiern alle zusammen, es wird gegrillt (ein paar Bausteine und zusammengeschweißter Baustahl geben eine tolle Feuerstelle) und schließlich wird getanzt, nicht nur der Walzer, den Oli geübt hat, um ihn mit Berntraud flott aufs "Betonparkett" zu legen, sondern auch afrikanische Tänze, bei denen die Deutschen mitmachen. Wir schenken ihr eine Marmortafel für ihre Schule - "Montessori Training Centre 1994" steht drauf. Unsere Dankbarkeit ihr gegenüber ist groß, vielen ist sie eine zweite Mutter, bedient alle liebevoll, verbindet Wunden und verteilt Pillen, besorgt Cola und Briefmarken und wäscht alle Wäsche trotz Wasserknappheit und ständiger Stromausfälle in der Waschmaschine, die 2 km entfernt steht.

Samstag 5.8.94

In einem "Gewaltakt" bekommen die Maurer kurz vor Sonnenuntergang alle Gurte fertig, Berntraud wird geholt, sie muss den letzten Eimer Beton selbst hineinschütten. Alle haben bis zur Erschöpfung gearbeitet. Als fast nichts mehr ging, fing Peter an zu singen, so kam man über den Toten Punkt weg. Mit allen Kleidern stürzen sie sich ins Meer zur Abkühlung.

Montag 7.8.94

Montag ist Feiertag, da hat Schwester Berntraud uns in ihre bisherige Arbeitsstätte Luagala in den Makondebergen eingeladen. Wir sehen, wie die zukünftigen Kindergärtnerinnen untergebracht sind - da war das neue Haus dringend nötig. "Wir werden dank eurer Hilfe mindestens ein Jahr früher umziehen können", meint Berntraud. Die jungen Frauen der Schule tanzen für uns in ihren wunderschönen bunten Gewändern und mit unglaublicher Grazie. Wir dürfen mit Berntraud ins Dorf sehen, wie die Menschen hier leben, überall freundliche Gesichter, seit Wochen gibt es schon kein Wasser mehr, jeder Tropfen muss kilometerweit auf dem Kopf oder auf dem Fahrrad herbeitransportiert werden.

Die Leute sind unbeschreiblich arm - was aber auffällt, ist die Ordnung und Sauberkeit überall im Dorf - die Höfe sind gekehrt, wer einen kleinen Garten angelegt hat, versucht, ihn durch einen geflochtenen Zaun vor den ewig gefräßigen Ziegen zu schützen. Alle sind ärmlich gekleidet, aber niemand geht in Lumpen.

Dienstag 8.8.94

Die Afrikaner haben am Montag trotz Feiertag gearbeitet und alles ausgeschalt - so kann der Kran kommen. Viel Improvisationstalent ist gefragt, denn eigentlich ist der Kran zu kurz, um die Binder in den zweiten Stock zu heben. Pater Ildefons (genannt "Idefix") bleibt trotz seiner schmerzenden Hüfte den ganzen Tag auf der Baustelle, man merkt ihm die Sorge um die Sicherheit der Leute an. Aber alles geht gut - am Mittwoch kann Richtfest gefeiert werden.

Mittwoch 9.8.94

Der letzte Arbeitstag. Es wird aufgeräumt. Werkzeug eingesammelt, das meiste verschenkt an die Arbeitskollegen oder dem Pater für die Fortsetzung der Arbeit überlassen. Eine kleine Bananenstaude wird abgehauen und geschmückt - Stoffstreifen, bunte Papierservietten, ein paar zusammengebettelte Zimmermannstücher - alle sind begeistert von diesem ungewöhnlichen Richtbaum. Ein riesiges Fest wird es - Kindergartenkinder tanzen selbst erfundene Tänze, in denen sie den Bau besingen. Wir haben einen Gast, Dagmar Staub, deren Mutter in Reutlingen lebt und die selbst einige Jahre in Tabora im Norden Tansanias Blindenlehrer ausgebildet hat. Sie filmt die Szenen für uns und übersetzt den Nebenstehenden die Texte der Lieder. Trommler, Tänzer und Tänzerinnen - heute ist es richtig "Afrikanisch". Die Zimmerleute haben eine Überraschung vorbereitet: in weißem Hemd und schwarzer Hose stehen sie alle auf dem Dach - jeder hat einen gereimten Spruch auf Bauherrn und Bautruppe parat - Ralf hat sich seine Verse in Kisuaheli übersetzen lassen und spricht sie sehr gewandt zum Jubel aller Versammelten. Papa Haule, der afrikanische Bauleiter, spricht Englisch und dankt für die gute Zusammenarbeit. Er überreicht Karl Freudenreich zwei wunderschöne Batiktücher, die seine Tochter extra für diesen Tag gemacht hat und hüllt ihn kunstgerecht darin ein. Kommentar der Maurer: "Karle, jetzt fehlt dir nur noch ´s Zepter und Krone!" Es gibt Softdrinks, Bonbons für die Kinder und am Schluss für jeden Bauarbeiter eine Büchse Bier. Manche erwischen auch zwei und viele nehmen die Kostbarkeit mit nach Hause, um sie zu verkaufen, schließlich ist sie soviel wert, wie sie an einem Tag hier verdient haben.

Donnerstag 10.8.94

Es wird gepackt, der Abschied naht, Freude auf die "Safari" im Bus in den Norden zu den touristischen Glanzstücken Lake Manyara und Ngorongorokrater, viel Wehmut, Versprechen auf ein Wiedersehen. Das Glück des Erfolgs. Ade = Adieu = Gott befohlen.

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