Bauen und Begegnen e. V.

Wie in Waterval, Südafrika eine Klinik entstand

Von Erich Laupheimer

Was tut man, wenn in einem "Homeland" in Südafrika zur medizinischen Versorgung von ca 20.000 Menschen dringend eine Klinik gebraucht wird? Wenn es noch dazu an allem fehlt, um dieses lebenswichtige Vorhaben zu verwirklichen, zumal die südafrikanische Regierung keine Hand rührt für die "Homelands", die sie ausschließlich für die Nutzung und Besiedlung durch Schwarze vorgesehen hat?

Für die Leute von Waterval, im Homeland Kwa Ndebele, bot sich eine Chance über die Hl. Geist Gemeinde, Reutlingen. Zweimal schon, 1988 in Zimbabwe und 1990 in Bophuthatswana, hatte die Reutlinger Pfarrei zusammen mit der dortigen Gewerblichen Schule, die junge Handwerker in Bauberufen zur Meisterprüfung führt, wichtige Bauprojekte in wenigen Wochen erfolgreich durchgeführt.

Für Oberstudienrat Freudenreich von der Kerschensteiner Schule und Pfarrer Laupheimer war die dringende Bitte der Missionare von Waterval, unterstützt von Erzbischof George Daniel von Pretoria, Anlaß für eine dritte Auflage des Programms "Bauen und Begegnen". In den Sommerferien 1991 überzeugte sich der Architekt und Lehrer an der Meisterschule für Maurer und Zimmerleute vor Ort von der Notwendigkeit des Projektes.

In Waterval, 120 km nördlich von Pretoria, wurden in den siebziger Jahren Schwarze buchstäblich auf freiem Feld ausgesetzt. Sie mußten sich selber ihre Bleibe schaffen. Im Laufe der Zeit entstanden Hütten und einfache Häuser. Eine funktionierende Infrastruktur wurde von niemandem geschaffen. Die Bevölkerung ist arm. Viele sind arbeitslos. Beschäftigung ist fast nur in Pretoria oder Johannesburg zu finden. Wer Arbeit gefunden hat, pendelt täglich dort hin.

In Waterval und der weiteren Umgebung ist kein Krankenhaus vorhanden. Schwestern des Holy Cross Convent versorgen die schlimmsten Fälle notdürftig. Ihre "Krankenstation" ist die enge Sakristei. der Notkirche. Täglich kommen ca. 60 bis 80 Menschen, die um Erste Hilfe und um Medikamente bitten. Die meisten Kranken bleiben unversorgt Das trifft vor allem Kinder und alte Leute.

Für Karl Freudenreich lag die Notwendigkeit einer Klinik auf der Hand, und Hilfe von außen war dringend notwendig, da die Bevölkerung weitgehend auf private oder kirchliche Initiativen angewiesen ist. So wurde schon im Sommer 1991 der Bauplatz, der zur Verfügung stand, geprüft, Pläne wurden entworfen und gezeichnet, das Material berechnet, mit Lieferfirmen verhandelt, Transport und Maschinen sichergestellt.

Durch die optimale Vorbereitung und den guten Ruf des Programms "Bauen und Begegnen" fiel die Anwerbung von Interessenten für das Projekt an der Kerschensteiner Schule nicht schwer. Ca. 25 junge Meister meldeten sich spontan für den Klinikbau in Waterval. Und auch die Finanzierung gestaltete sich relativ problemlos. Das Vorhaben wurde als Baden-Württemberg-Projekt anerkannt und zur Hälfte vom Wirtschaftsministerium des Landes mitgetragen. Die andere Hälfte finanzierten die Erzdiözese Pretoria, die Einheimischen, die Holy Cross Schwestern, die HI. Geist Gemeinde, Reutlingen und die Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammen.

In den Sommerferien 1992 war es dann soweit: 18 junge Meisterschüler, die optimal motiviert und auf die einfachen Lebens- und Arbeitsbedingungen in Waterval vorbereitet waren,reisten bei freiem Flug, freier Unterkunft und Verpflegung für die unentgeltliche Arbeit an der Klinik in das südafrikanische Homeland, Beim Bau konnten so gut wie keine Maschinen eingesetzt werden, da es in Waterval bisher noch keinen elektrischen Strom gibt. Der felsige Untergrund für die Fundamente und, die Sickergruben mußten zum Teil mit dem Meißel bearbeitet werden. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den 18 Deutschen und ca. 20 Einheimischen klappte hervorragend. In nur sechs Wochen war die Klinik bis auf wenige Vollendungsarbeiten erstellt und eingerichtet.

Es ist ein zweckmäßiger Bau. Von außen eher unscheinbar, entdeckt man im Innern aber eine wohldurchdachte Einrichtung: 4 Behandlungsräume für die beiden Krankenschwestern, 1 Raum zur Anmeldung der Patienten und zur Verwaltung, 1 Zimmer für die Ausgabe der Medikamente und 1 Vorratsraum, 1 kleine Küche, 1 Waschraum und eine größere Eingangshalle für die wartenden Patienten. 40 Personen haben dort Platz.

Rene Bergmann, ein Maurermeister, der sich ein halbes Jahr für das Projekt zur Verfügung gestellt hatte, erlebte die Einweihung der Klinik am 29.10.1992 unter großer Anteilnahme der einheimischen Bevölkerung und vieler Vertreter aus Staat, Gemeinde und Kirchen. Schon am Tag der Einweihung kamen 50 Patienten. In den ersten Wochen pendelte sich die tägliche Zahl auf 80 ein.

Rene Bergmann betreute auch die Vollendung des zweiten zur Klinik gehörenden Gebäudeteils, eines Mutter-und-Kind- bzw. Schulungszentrums, in dem vielerlei gesundheitsbezogene Kurse abgehalten und Frauen- und Jugendarbeit geleistet werden sollen. Im Januar 1993 konnte dieser Gebäudeteil fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. Die Freude und Dankbarkeit der Bevölkerung war deutlich zu spüren. Sie zeigte sich bei der Einweihung in den Gesängen, Tänzen und den vielen Ansprachen. Der Minister, der Häuptling, der Beauftragte für das Gesundheitswesen, Vertreter verschiedener Organisationen und der Kirchen konnten nicht genug die Hilfe aus Deutschland loben und betonten immer wieder die enge Zusammenarbeit der deutschen Handwerker mit den Einheimischen.

Abgesehen von der qualifizierten Hilfe, die dieser Einsatz brachte, wurden den Partnern beim Bau Kenntnisse und im praktischen Tun wertvolle Erfahrungen vermittelt. Neben den Denkanstößen Im Bezug auf Lebensstil und Selbsteinschätzung wurde den jungen deutschen Meistern auch der schönste Dank zuteil: Menschen, denen viel Unrecht geschehen ist und die wenig Zukunftschancen hatten, konnte wirksam und langfristig Starthilfe im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden.

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