Bauen und Begegnen e. V.

Das Bauprojekt Taung

Ein Bericht vom organisatorischen und technischen Leiter Karl A. Freudenreich

1989 bekam eine Anfrage von Pfarrer Benz aus Taung, ob die Lehrer und Schüler der Kerschensteinerschule in Reutlingen bereit wären, eine Highschool für ca. 280 Schüler zu bauen. Die Anfrage war eine Herausforderung, der wir uns stellen wollten.

Zunächst mußten wir uns ein Bild machen über Art und Umfang der geplanten Arbeit, über die technischen Voraussetzungen sowie über Unterkunft und Verpflegung der Teilnehmer.

So reiste meine Frau -ich selber war verhindert- am 2. Februar nach Südafrika um all diese Fragen zu klären. Nach ihrer Rückkehr erklärte sie diesen Einsatz für möglich und wagbar.

Ein Aufruf zur Mitarbeit am Projekt Taung zeigte großes Interesse bei den Meisterschülem unserer Schule. Viele meldeten sich. Es waren schließlich 20 junge Männer und Frauen, die ihre Zusage zum Einsatz in Afrika gaben. Die Teilnehmer wurden in Nachmittagsseminaren, außerhalb der Unterrichtszeit, auf ihre Arbeit, aber auch auf die Situation des Gastlandes vorbereitet.

Auch in Afrika liefen die Vorbereitungen an. Bruder Günter Arndt zeichnete die genauen Pläne und beschaffte zusammen mit dem Missionshelfer Alfred Haller Steine, Sand, Zement und andere Baumaterialien. Er ließ auch die Fundamente der künftigen Bauten zementieren.

Am Samstag, 20. Juli, startete die Gruppe von Frankfurt aus und erreichte nach 10-stündigem Flug und einer anstrengenden Fahrt über Land am Sonntagabend bei Dunkelheit Taung. Am anderen Morgen führte uns Pfarrer Benz durch die Station und zeigte uns die Einrichtungen, die seit der Gründerzeit um die Jahrhundertwende entstanden sind.

Am Nachmittag begann dann die Arbeit auf der Baustelle. Besonders dramatisch war die Anwerbung unserer schwarzen Mitarbeiter. Es waren nach groben Schätzungen etwa 300 -400 Arbeitswillige gekommen und bestenfalls war für 100 Männer Arbeit vorhanden. Sollte man den älteren Familienvätern ein Einkommen, auf das sie dringend angewiesen waren, bevorzugt zukommen lassen, oder sollte man den Jüngeren eine Ausbildung auf unserer Baustelle geben? Aber bei diesem chaotischen Ansturm blieb eigentlich nur das Prinzip Zufall. Jedenfalls hatte jeder unserer Meister vier Mitarbeiter, für die er zu sorgen hatte und für die er Verantwortung trug.

Die Methoden des Bauens in Südafrika unterscheiden sich erheblich von den unsrigen. So wird das ganze Mauerwerk auf voller Höhe ausschließlich mit Läufern (längsgelegte Ziegel) hochgemauert, keine quergelegten Binder, die Mittelfuge geht also auf voller Höhe durch das ganze Mauerwerk, nur in jeder dritten Schicht werden die beiden Mauerwerkschalen durch eine Art von Baustahlgewebe, "Brickforce" genannt, verbunden. Da diese Methode in ganz Südafrika üblich ist, entschieden wir uns trotz statischer Bedenken und in Anbetracht der späteren Marktfähigkeit unserer Auszubildenden, diese anzuwenden. Über Türen und Fenster werden in Südafrika vielfach nur hochkant gestellte Ziegel {Rollschicht) vermauert. Hier entschieden wir uns doch zur Herstellung solider europäischer Stahlbetonstürzen. Türen und Fenster sind aus Stahlprofilen gefertigt und werden gleich von Anfang an mit eingemauert. Mit der Vollendung des Baues werden nur noch die Glasscheiben eingesetzt. Gerade in der sehr schwierigen Anfangsphase war mein Kollege Karl Schäfer eine wertvolle Hilfe. Seine Erfahrung als Ingenieur und Bauleiter in Deutschland und auch die Erfahrungen an der vergangenen Aktion in Zimbabwe haben sehr viel zur Überwindung der Anfangsschwierigkeiten beigetragen.

Jeder normale Arbeitstag begann um 7.00 Uhr mit einem Gebet. Es war noch dunkel und ziemlich kalt, oft hatten die Gräser Reif, als sich alle Mitarbeiter sammelten. Gearbeitet wurde bis 10.00 Uhr, dann war eine halbe Stunde Vesper, und von 13.00- 14.00 Uhr war Mittagspause. Arbeitsschluß war um 17.00 Uhr, kurz vor dem Dunkelwerden. Das Frühstück und das Mittagessen bereiteten die beiden schwarzen Köchinnen, Clarinna und Evelyn, für das Vesper und das Abendbrot waren Bärbel Schäfer und meine Frau Gertraud verantwortlich. Es waren immerhin fast 30 hungrige Mäuler zu stopfen, und bekanntlich geht der Arbeitseifer genauso wie die Liebe durch den Magen.

Unser Verhältnis zur schwarzafrikanischen Bevölkerung

Anfänglich war auf beiden Seiten eine gewisse Skepsis spürbar. "Was werden die mit uns tun?" Aber sehr bald wich diese Einstellung einem positiven Teamgeist. Insbesondere die beiden schwarzen, von der Mission festangestellten Vorarbeiter, James Poole und Djambis trugen sehr zur Verständigung bei. Ohne sie beide hätte manches nicht so geklappt. Unser Maurermeister Jöm Hagen, im Nebenberuf Fußballtrainer, konnte es auch in Afrika nicht lassen und begann den dortigen Fußballverein zu trainieren, was ihm auch prompt bei den Afrikanem den Spitznamen "Maradonna" eintrug. Häufig aber meldeten sich auch andere am Sonntag vom Mittagessen ab, sie wollten den Tag bei ihren schwarzen Freunden verbringen. Viele persönliche Freundschaften sind geschlossen worden. Briefe werden gewechselt, Verbindungen sind entstanden, die weit über die Dauer der Einsatzzeit hinausreichen werden.

Das Echo in der Öffentlichkeit

Nicht nur im lokalen Umfeld erregte dieser Arbeitseinsatz Aufsehen, sondern auch in der weiteren Umgebung. Selbst der Gouverneur, Mr. Makodi, ließ es sich nicht nehmen, die Gruppe zu besuchen. Er lud die Jungmeister ein, sich hier in Bophuthatswana nieder zu lassen und einen Betrieb zu gründen. Er bot ihnen dabei jede Hilfe an.

Einen ganzen Tag lang hielt sich ein einheimisches Fernsehteam auf der Baustelle auf, filmte und interviewte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. In der Abendschau des darauffolgenden Tages wurde ein Ausschnitt aus diesem Film als herausragendes Ereignis gezeigt. Der ganze Film sollte dann zu einem späteren Zeitpunkt in voller Länge gezeigt werden. Auch in der Presse erschienen fortlaufend Berichte.

Nach zehn Tagen schon konnte der Richtbaum auf dem Verwaltungsgebäude aufgestellt werden. Einer unserer Zimmermeister -Rolf Glöckler- sprach nach gutem, altem Handwerkerbrauch den Richtspruch, der von Pfarrer Benz in Tswana übersetzt wurde. In die "Hochs" auf den Bauherrn, den Architekten und die Bauleute mischte sich das "Pula, Pula" (wörtlich: Es soll auf ihn regnen.) der Tswanas. Ein zünftiger Richtschmaus für Schwarz und Weiß beendete dieses Fest. Auch die übrigen Bauten, die Klassentrakte und die Toilettenbauten näherten sich Dank der Einsatzbereitschaft der Teilnehmer der Vollendung, so daß man für die letzten Tage Reisen durch Südafrika planen konnte. Da die Wünsche im Teilnehmerkreis zu unterschiedlich waren, teilte sich die Gruppe auf. Die einen flogen nach Durban, um sich dort an den Sandstränden des Indischen Ozeans zu erholen, während andere sich mit gemieteten Autos quer durch ganz Südafrika bewegten, um von Kapstadt wieder entlang der Küste nach Johannesburg zu gelangen. Eine dritte Gruppe lernte im Königreich Lesotho das ursprüngliche Südafrika kennen. Die Teilnehmer trugen die Kosten für diese letzte Woche selber. Am 26. August sammelte sich der Kreis wieder auf dem Flugplatz Johannesburg, um den Heimflug anzutreten.

Eine schöne gemeinsame Zeit lag hinter uns, voll von neuen Eindrücken, voll von einer ungemeinen Kameradschaft und gegenseitigem Vertrauen, ungetrübt durch Unfälle oder besorgniserregenden Krankheiten.

Nachbereitungsseminar

Diese ungeheuren Eindrücke, die jeder Einzelne von diesem Einsatz mitbrachte, erschienen wichtig genug, um in einem Seminar verarbeitet zu werden. Ein solches Seminar fand am 20. Oktober hier in Reutlingen statt Einige Stimmen daraus: "Es geht darum, die unbeschreibliche Erfahrung von fünf Wochen Bauen und Begegnen zu verarbeiten. Ich konnte viel lernen hinsichtlich meines Selbstverständnisses. Die Menschen in Taung haben meinen Horizont erweitert. Dafür bin ich dankbar". Oder: "Eigentlich sollte jeder einmal bei einem solchen Einsatz dabei sein; es würde sich auch bei uns in Deutschland viel ändern". "Was Dritte Welt ist, habe ich jetzt erfahren". Trotz allen Anstrengungen klang die Befriedigung durch: "Es war das schönste Erlebnis meines Lebens." Ein wertvoller Gewinn dieses Einsatzes lag darin, jungen Handwerkern Gelegenheit zu geben, auch in ungewohnten Situationen sich selbst zu bewähren, und, wenn Schulweisheit nicht mehr weiterhilft, selber Lösungen zu suchen und vor allem mit Menschen zu arbeiten, deren Vertrauen man erst gewinnen muß.

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